Wie die Stadt Fürstenwalde um ein Haar das Kaufhaus Moses als ihr erstes Haus am Platz verlor

Neben fehlender Visionen für die Stadtentwicklung steht Bürgermeister Rudolph auch der ständige Drang im Wege, die Leuchttürme seiner Vorgänger zerstören zu wollen.

Diese hatten den mutigen Schritt gewagt, im Sommer 1999 aus einem Bauloch im Herzen der Stadt ein Kaufhaus zu entwickeln. Im Frühjahr 2001 wurde die heutige „Fürstengalerie“ als Kaufhaus „Magnus“ mit der Stadt als Betreiber eröffnet. Ein absolutes Novum.

Das Kaufhaus hat einen Mietvertrag mit der Fürstengalerie GmbH, einer hundertprozentigen Tochter der Wohnungswirtschaft GmbH Fürstenwalde, die wiederum selbst eine städtische Gesellschaft ist. Einziger Gesellschafter ist die Stadt und alleiniger Vertreter in der Gesellschafterversammlung der Bürgermeister.

Zum Jahresanfang 2007 zog die familiengeführte Mode-Kette „Moses“ in die „Fürstengalerie“ ein und etablierte sich mit ihrem qualitativ hochwertigen Sortiment an Bekleidung für die gesamte Familie schnell als Besuchermagnet für Fürstenwalde und das gesamte Umland. Ein Gewinn für die Stadt – und ein Dorn im Auge des künftigen Bürgermeisters Matthias Rudolph.

Am 21.05.2021 vermeldete die Märkische Oderzeitung: „Mode-Kaufhaus Moses muss Fürstenwalde verlassen“. Für viele Menschen in und um Fürstenwalde sowie für die ca. 40 Mitarbeitenden ein Schockmoment. Sollte dieser wichtige Arbeitgeber der Region, Ausbildungsbetrieb und Multiplikator etwa der Corona-Krise zum Opfer gefallen sein? Nein, die Stadt Fürstenwalde plante im Zuge turnusmäßiger Neuverhandlungen des Mietvertrages mitten in der Pandemie die Erhöhung des Mietzinses in einem für das Modehaus nicht tragbaren Maße.

Als hinter verschlossenen Türen sämtliche Verhandlungsspielräume ausgeschöpft waren, brach das beliebte Modehaus sein Schweigen und konfrontierte seine Belegschaft mit dem Ergebnis: die langjährige Zusammenarbeit mit der Stadt Fürstenwalde ist beendet. Vergleichbare Flächen in der Stadt standen nicht zur Verfügung.

Die Stadtverordneten erfuhren vom Scheitern der Verhandlungen und dem drohenden Fortgang des Traditionskaufhauses nicht etwa vom Bürgermeister selbst, sondern aus der Presse. Zu diesem Zeitpunkt zeigten bereits Städte aus anderen Landkreisen großes Interesse an der Ansiedelung des beliebten Kaufhauses. Dass die Stadtverordneten von einem solchen Vorgang aus der Zeitung erfahren mussten und nicht vom Bürgermeister unterrichtet wurden, markierte einen neuen Tiefpunkt in der Zusammenarbeit.

Aber es war noch nicht zu spät. Aus heutiger Sicht war der Schritt in die Öffentlichkeit ein Glücksfall, so konnten Politik und Gesellschaft retten, was eigentlich nicht mehr zu retten war. In Windeseile häuften sich Zeitungsberichte, Beiträge und Kommentare in sozialen Medien. Ein Bürger startete eine vielbeachtete Online-Petition, die bis zu ihrem Ende 4.684 Unterschriften sammelte.

Nach der Argumentation des Bürgermeisters ist das wichtigste Kriterium städtischen Handelns dessen Wirtschaftlichkeit. Entscheidend ist danach allein die Höhe der Mieteinnahmen – egal, wer sie zahlt. Egal, ob die halbe Fürstengalerie leer steht, wenn am Ende die Miete stimmt.

Wenig später kursierten Meldungen über die ersten zahlungswilligen Interessenten: Händler und Einrichtungen, an denen es in Fürstenwalde nicht mangelte. Diese erschienen allesamt nicht in der Lage, weder das Niveau der Fürstengalerie als Einkaufspassage mit Aufenthaltsqualität zu erhalten noch die gesamten Flächen zu bewirtschaften. Es stand nichts Geringeres auf dem Spiel als der Erhalt einer attraktiven Innenstadt mit Wirkkraft weit über die Stadtgrenzen hinaus. Auch die Zukunft der Stadt als Anziehungspunkt für weitere Gewerbetreibende war in Gefahr.

Auf Initiative der SPD-Fraktion gemeinsam mit der Fraktion DIE LINKE wurde kurzfristig eine Sondersitzung der Stadtverordnetenversammlung einberufen. Es sollte nicht die letzte Sitzung zu diesem Thema sein. Im öffentlichen Teil traten zahlreiche Menschen aus der Bevölkerung und Mitarbeitende des Kaufhauses mit vielen Fragen und teils gebrochener Stimme an das Mikrofon im Rathaus. Allesamt brachten sie ihr Unverständnis über das Agieren der Stadt zum Ausdruck. Anschließend wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit online weiter getagt.

Nach zähem Ringen und Aufarbeitung der Geschichte der Fürstengalerie stets bis tief in die Nacht, gelang der Stadtverordnetenversammlung Ende Juni 2021 eine historische Rettung. Die Vertragsparteien kehrten an den Verhandlungstisch zurück mit Vorschlägen zur Erhöhung des Mietzins in einem vertretbaren Maße und einigten sich letztlich auf den Abschluss eines neuen Mietvertrages.

Gestärkt durch den Rückhalt und das klare Signal aus der Gesellschaft gelang es den Stadtverordneten mit vereinten Kräften über Parteigrenzen hinweg ein Stück Fürstenwalder Geschichte zu retten. Das ist eben genau das, was eine vernünftige Kommunalpolitik ausmacht, den Willen der Bevölkerung ernst zu nehmen – und das Zusammenwirken über Parteigrenzen hinweg. Im Ernstfall die eigene Bedeutung nicht über die Sache zu stellen und gemeinsam mehr zu erreichen. Eine Kernkompetenz, über die auch ein Bürgermeister als Hauptverwaltungsbeamter verfügen muss und die Mathias Rudolph an vielen Stellen schmerzlich vermissen lässt.